Als wir dieses Heft zum Thema Familie geplant haben, war Neuhofer die erste Firma – und Familie –, die mir eingefallen ist. 375 Jahre, zehnte Generation – wer kann uns mehr über Familie erzählen als Sie?
Franz Neuhofer: Da gibt es zahlreiche erfolgreiche Familienunternehmen, die bestimmt viel erzählen können, hier und da vielleicht ähnlich wie bei uns: Wir leben Familie jeden Tag – im Unternehmen, zu Hause und in der Verantwortung, die wir von Generation zu Generation weitergeben. Dieses Jahr feiern wir unglaubliche 375 Jahre Familiengeschichte, und ich habe das Privileg, die zehnte Generation zu sein. Meine Eltern haben mir dieses Vertrauen geschenkt, und sie stehen mir bis heute mit Rat und Tat zur Seite.
Meine Kinder zeigen bereits großes Interesse daran, das Erbe weiterzuführen: Mein Sohn sammelt erste Erfahrungen in unserem Joint Venture in den USA, meine jüngste Tochter steht kurz vor dem Abitur an einer höheren technischen Schule für Wirtschaftsingenieure und ist hoch motiviert, nach einem weiterführenden Studium und außerbetrieblicher Praxis ihre Wissen und ihre Erfahrung für FN Neuhofer einzubringen.
Familie bedeutet für uns nicht nur Herkunft oder Verantwortung, sondern auch Inspiration, Vertrauen und gemeinsames Wachstum – im Unternehmen und darüber hinaus.

Mit welchem Gefühl macht man das in Ihrer Position? Man hat doch auch den Druck, als der Zehnte in der Reihe das alles erfolgreich weiterzuführen, oder? Möglicherweise gibt es da aber noch andere Gefühle: Stolz vielleicht oder Freude?
Das ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Natürlich hat man großen Druck auf den Schultern. Man ist sich dessen auch bewusst, wenn man die Unterschrift setzt und die Firma übernimmt. Und man hat sich das vorher auch natürlich x-fach gefragt: Will man das? Wobei ich sagen muss: In unserer Familie hat sich diese Frage eher nicht gestellt. Wir sind da hineingewachsen. Und ich glaube, das ist der große Unterschied. Wenn du in dem Umfeld aufwächst, dann gibt es nicht sehr viel anderes. Da geht es natürlich sehr viel um Fragen wie: Wie erziehe ich meine Kinder? Lasse ich meine Kinder früh teilhaben? Haben sie Spaß daran oder nicht? Aber das eine ist der Spaß und das andere die Frage: Können sie das? Kann ich das übergeben oder fahren sie das an die Wand? Habe ich das Vertrauen als Vater? Und wer von meinen Kindern eignet sich am meisten? Oder wer von meinen Kindern eignet sich für welche unserer Firmen am meisten? Da muss es natürlich mit deren Interesse zusammenpassen. Es ist nicht immer ganz einfach.
Ich glaube, ich habe meine Gespräche mit meinen Kindern begonnen, als sie ungefähr zwölf waren, und sie gefragt: Was sagst du? Wie gefällt es dir? Ich habe sie immer wieder auf Messen mitgenommen. So war es auch, als wir Kinder waren. Unser Vater hat uns ab zehn Jahren zu den Leitmessen mitgenommen. Für uns war das natürlich immer ein Highlight, wenn wir mitfahren haben dürfen. Das sehe ich auch bei meinen Kindern jetzt so.
Und wie bewahrt man da, ich sage das einmal etwas pauschal, den Familienfrieden?
Auch mit einer guten externen Beratung. Ich bin immer wieder im Austausch mit einem guten Familienfreund und Berater, der sagt: Dieses Unternehmen hat das so gelöst, jenes hat das so gelöst. Oder: Du musst diese oder jene Firmenstruktur wählen. Lass die Jungen mal in die Geschäftsführung, schau dir an, ob sie es können, übertrage noch keine Anteile des Unternehmens, und so weiter. Da gibt es viele Tipps und vielleicht auch Tricks, die ich mir immer wieder anhöre, damit ich möglichst wenig Fehler mache.
Bei uns hat es mein Vater so gelöst: Auch er hat einen Familienfreund und Berater ins Unternehmen hineingenommen, der zweimal die Woche da war und der mich begleitet hat. So war der Vater-Sohn-Konflikt viel weniger präsent, weil er jemanden dazwischen geschaffen hat. Das mache ich jetzt zum Beispiel bei meinem Sohn Alexander, der in den USA ist. Dort gibt es einen anderen Geschäftsführer, also dient mein Sohn sozusagen jemand anderem und muss sich mit einer anderen Kultur zurechtfinden. Da sieht man dann auch, wie er sich da schlägt. So löst man von Anfang an einen gewissen Konflikt: Man delegiert ihn. Das hat in meiner Generation ganz gut funktioniert, das versuche ich jetzt auch.
Ich könnte mir vorstellen, dass es bei diesem besonderen Blick auf die Kinder ein Wechselbad der Gefühle gibt – möglicherweise Enttäuschung und große Freude. Nach einer Enttäuschung frage ich Sie nicht. Aber vielleicht können Sie sagen, an welcher Stelle Sie ganz besondere Freude empfinden, wenn Sie daran denken, wie das Unternehmen weitergegeben wird.
Ganz ehrlich: All diese Investitionen, die wir jetzt gerade wieder tätigen mit drei Eröffnungen in den nächsten vier Monaten – das alles würde ich nicht machen, wenn nicht die Nachfolge aus meiner Sicht gesichert wäre oder wenn kein Interesse da wäre. Darum haben wir jetzt auch gerade wieder ein Investitionspaket mit 41 Millionen Euro losgetreten: Investitionen ins Werk in den USA, ins Werk Zell am Moos und in unser neues Extrusionswerk plus unsere neue Logistik, die im Januar in Polen gekommen ist. Da gibt es natürlich auch schon wieder gewisse Familienaufgaben. Kurz: Ich würde das alles nicht machen, wenn ich nicht daran glauben würde.
Aber ich rede auch über Enttäuschungen. Die gibt es natürlich auch, wenn ich da oder dort sage: Es braucht Geschwindigkeit und Kampfgeist. Ich schaue mir an, ob sie das können und wie sie es können, und gebe es dann in ihre Hände. Ich hoffe nicht, dass ich jemals dazu gezwungen werde, das Unternehmen zu verkaufen. Das wäre für mich wohl das Schlimmste. Aber es sieht nicht danach aus. Und dann ist natürlich auch meine Frau mit dabei. Wir versuchen es mit – ich sage einmal – leichtem ... nicht Druck, aber mit leichter Führung in die richtige Richtung.
Noch eine Frage, die uns an den Anfang zurückführt, an diese lange Ahnenreihe. Haben Sie in diesen neun Generationen vor Ihnen ein großes Vorbild?
Ja, natürlich. Ich denke, dass die Zeiten der zwei Weltkriege für alle sehr, sehr schwierig waren. Und 1945 gab es bei uns dann auch noch das Hochwasser im Tal. Da war ja alles weg. Es war nichts mehr da, Null Komma Null. Nach dem Krieg gab es auch keinen Kredit für irgendeinen Wiederaufbau. So hat mein Großvater, glaube ich, sehr, sehr große Leistungen erbracht, das irgendwie wieder auf die Beine zu stellen. Und dann hat natürlich mein Vater einen gewissen Weitblick gehabt, das muss ich schon sagen, in die Leistenindustrie einzusteigen, vom Sägewerk sich in die Weiterverarbeitung zu entwickeln. Das war schon etwas Besonderes.
Die Fragen stellte Rainer Strnad












